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Ausgegraben

#ubwirdneu

In der Eingangshalle der Universitätsbibliothek war die Lehrbuchsammlung untergebracht. Foto: Uni Graz

Ein Jahresbericht von 1972. So war die UB vor 44 Jahren. Ein "Gastkommentar" des ehemaligen Direktors der UB Graz, Franz Kroller

Da staunte der Mitarbeiter der Universitätsbibliothek Robert Ramschak nicht schlecht, als er im Sommer beim Ausräumen seines Büros am Universitätsplatz 3a, gut versteckt in seinem Wandregal, einen Jahresbericht der Universität Graz aus dem Jahre 1972 ausgrub. Darin zu finden ist ein ausführlicher Bericht zu den Leistungen und Services der Universitätsbibliothek aus dieser Zeit. Manche Sachen sind längst vergangen, viele aber heute noch "aktuell". Verfasst hat den Beitrag der damalige Direktor der UB Graz, Oberstaatsbibliothekar Dr. jur. Franz Kroller. Hier der Artikel zum Nachlesen, die Rechtschreibung von 1972 haben wir belassen:

 

Die Universitätsbibliothek Graz als zentrale Einrichtung der Universität

Universitäten sind Zentren der Wissenschaft und der höheren Bildung, Stätten geistiger Konzentration und Ausstrahlung, die in hohem Maße auf Literatur und damit auf Bibliotheken und ihre Dienste angewiesen sind. Die Universität ist heute vielerorts in einem Strukturwandel begriffen, der auf das universitätseigene Bibliothekswesen erheblichen Einfluß hat. Im Zuge der Bildungsexpansion vollzieht sich ein Übergang von relativ kleinen Institutionen zu großen Gebilden, bei denen Massenprobleme auftreten und für die schon allein deshalb neue Strukturen zu suchen sind. Die Reform des akademischen Unterrichts bezieht die Bibliotheken mehr als bisher in den didaktischen Prozeß ein.

An einer Universität mit langer Tradition und ihrem Bibliothekssystem sind strukturelle Änderungen weniger leicht vorzunehmen als an Neugründungen. Die Grazer Universität wurde als Hochburg der Gegenreformation 1573 durch Erzherzog Karl gegründet und 1586 eröffnet. Ihre Lehrstühle waren mit Jesuiten besetzt und die Studierenden waren auf die Benützung der 1577 gestifteten Kollegienbibliothek verwiesen. Nach Aufhebung des Ordens kam es 1781 zur Einrichtung einer staatlichen Universitätsbibliothek aus Beständen der ehemaligen steirischen Jesuitenkollegien und bis 1790 zu einer wesentlichen Bereicherung aus rund 40 weiteren Klosterbibliotheken. Als Bibliothekssaal diente die Aula academica der alten Universität. Der Bestand betrug 1828 37.000 Bände und war 1880 bei rund 100.000 Bänden. Im Jahre 1895 übersiedelten Bibliothek und Universität in die heutigen Gebäude am Ostrand der Stadt, wobei die Universitätsbibliothek ein nach damaligen Erkenntnissen gut durchdachtes Gebäude mit verhältnismäßig günstigen Voraussetzungen für Anbauten erhielt. Solche bald notwendige Zubauten erfolgten 1914 durch Aufstockung des Osttraktes, 1950 durch einen sechsgeschossigen Magazinsbau an der Südostseite - die Bestände überstiegen damals bereits eine halbe Million - und 1969 durch einen Erweiterungsbau an der Nordwestseite. Soeben ist eine Aufstockung des Westtraktes im Gange, die im obersten Geschoß der Evidenzstelle, also einer Universitätseinrichtung, Unterkunft bieten wird, deren zwei Untergeschosse aber der Bibliothek zukommen werden.

Ein immer dringender werdendes Desiderat der Universitätsbibliothek ist der zweite Abschnitt des Erweiterungsbaues, der weitere Leserplätze, weiteren Stellraum für Bücher und weitere Räume für die ständig umfangreicheren Sonderaufgaben der Bibliothek enthalten soll. Die vorgesehene Größe dieses kommenden Bauabschnittes beträgt 15.000 Kubikmeter. Bedenkt man die Tatsache, daß sich sowohl Benützer- wie Bestandszahlen seit 1895 versiebenfacht haben, wird leicht erkennbar, was die bisherigen Zubauten für den Bibliotheksbetrieb bedeutet haben: Abhilfen im letzten Moment, die es aber immerhin ermöglichten, dem Benützer eine annähernd auf der Höhe der Zeit stehende Bibliotheksorganisation mit Sofortbedienung anzubieten.

Die sofortige Herbeischaffung eines bestellten Buches aus den Magazinen und Ausfolgung an den wartenden Leser ist auch in sehr reichen Ländern noch keineswegs selbstverständlich. In der Grazer Universitätsbibliothek wird sie erreicht durch ausgeklügelte technische Anlagen wie Rohrpost, Förderanlagen und Signalgeber, aber auch durch einige opferwillige Beamte, die bereits um 6 Uhr morgens mit den notwendigen Ordnungsarbeiten an der Entlehnkartei beginnen. Die Zahl der jährlich ausgehobenen Bände nähert sich der Hunderttausendergrenze.

Es ist vielleicht nicht allgemein bekannt, daß die Universitätsbibliothek seit ihrer Gründung drei Aufgabenbereiche zu erfüllen hat, von denen das Hauptschwergewicht naturgemäß bei Punkt eins liegt:


1.    Unterrichtsbibliothek für die Lehre und Forschung der Universität sowie der anderen Hochschulen und Bildungsanstalten in Graz zu sein, was sie als ihre Hauptaufgabe betrachtet,


2.    Provinzialbibliothek als Sammlerin und Bewahrerin der in der Steiermark erschienenen oder gedruckten Werke, die seit 1781 ablieferungspflichtig sind, und


3.    öffentliche Bibliothek als Anstalt zum öffentlichen Gebrauch, die niemandem verschlossen ist, der die notwendige Vertrauenswürdigkeit besitzt.


Im Bibliothekssystem der Universität, das etwa 80 Bibliotheken sehr unterschiedlicher Größe umfaßt, versteht sich die Universitätsbibliothek als eine zentrale Dienstleistungseinrichtung für die Literaturversorgung der gesamten Universität. Sie ist Ausleih- und Magazinbibliothek, Koordinierungsstelle und Standort gemeinsamer bibliothekarischer Einrichtungen.

Als Ausleih- und Magazinsbibliothek stellt die Universitätsbibliothek ihren zahlreichen Lesern gegen 800.000 Bände Druckschriften, über 1000 mittelalterliche Handschriften, über 1000 Wiegendrucke, 6000 Filme und Landkarten und 4000 laufend gehaltene Zeitschriften zur Verfügung. Die wöchentliche Öffnungszeit wurde erst kürzlich wesentlich verlängert und beträgt jetzt 65 Stunden. Dabei steht im Rahmen der baulichen Möglichkeiten der Zeitschriftenbestand den wissenschaftlichen
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Tätigen in Freihandaufstellung zur Einsichtnahme offen, was bisher insbesondere in den Fachabteilungen Chemie, Physik, Mathematik und Medizin verwirklicht werden konnte.

Steigende Bedeutung gewinnen die in der Universitätsbibliothek geführten gemeinsamen bibliothekarischen Einrichtungen der Universität, voran der Zentralkatalog der Institutsbibliotheken mit 300.000 Eintragungen und der Zeitschriften-Zentralkatalog, der die Bestände von 200 Bibliotheken laufend nachweist. Das bibliographische Informationszentrum der Universität hat seinen Sitz ebenso in der Universitätsbibliothek wie die vielbeschäftigte Fernleihstelle, die über Post- und Fernschreiber Bücher und Zeitschriftenaufsätze aus aller Welt besorgt. Die Tauschstelle der Universitätsbibliothek versendet die gedruckten Grazer Dissertationen und die Mitteilungen des Naturwissenschaftlichen Vereines an ausländische Stellen und vermehrt dadurch die Bestände in Graz, sie vermittelt auch den Verkehr der Universitätsstellen mit der Internationalen Austauschstelle in beiden Richtungen.

Dem studentischen Benützer dient die Universitätsbibliothek nicht nur durch Lesesaalplätze und lange Öffnungszeiten. Ihm ist auch die im Foyer leicht zugänglich aufgestellte Lehrbuchsammlung von 7000 Bänden mit verlängerter Leihfrist gewidmet, die ständig zu vermehren und auf dem neuesten Stand zu halten große Anstrengungen erforderlich macht. In anderen Ländern werfen Stiftungen für diesen Zweck hohe Summen aus, die Universitätsbibliothek Graz muß die Aufwendungen für die Lehrbuchsammlung von der Normaldotation abzweigen. Ebenfalls rein dem studentischen Benützer gewidmet sind die am Schalter der Lesesaalausleihe stehenden Semesterhandapparate. Hier handelt es sich um eine Zusammenstellung jener Werke, die dem Studenten zur Mitarbeit in einer bestimmten Vorlesung empfohlen werden. Ihre für jedes Semester neu getätigte Auswahl erfolgt durch den Professor, unter dessen Namen die Apparate auch aufgestellt sind. Sie werden präsent gehalten und die intensive Benützung zeigt, welch große Erleichterung dem Studierenden hier geboten werden konnte. Eine Einrichtung soll noch erwähnt werden, die in amerikanischen Universitätsbibliotheken häufig, in europäischen aber noch sehr selten anzutreffen ist: die UB Graz bietet den Studenten 40 Leserplätze im Foyer des Neubaues an, wo gesprochen, d. h. miteinander gelernt werden kann, ohne andere zu stören oder selbst gestört zu werden. Auch hier zeigte sich sofort nach Einführung, wie schnell sich die Studierenden die günstigen akustischen Gegebenheiten und die besondere Atmosphäre des als Mehrzweckraum konzipierten Foyers zunutze machten. Dasselbe gilt für Einrichtungen wie den Schreibmaschinenraum, den Dissertantenleseraum und den Mikrofilmleseraum.

Immer mehr Lehrkanzeln bringen die Studierenden der Anfangssemester in die Universitätsbibliothek, wo sie mit der Benützung vertraut gemacht oder in die Verwendung bibliographischer Hilfsmittel eingeführt werden. Dies geschieht oft in Kurzvorträgen. Reguläre bibliothekskundliche Vorlesungen an der Universitätsbibliothek hielten 1921-1939 Ferdinand Eichler, 1940-1953 Anton Kern und seit 1954 werden diese von Erhard Glas weitergeführt. Eichler war ein Theoretiker des Bibliothekswesens von internationalem Rang, Kern ein weltbekannter Handschriftenkenner, Glas hat an der Neuorganisation der österreichischen Bibliotheken nach dem zweiten Weltkrieg wesentlichen Anteil. Von Studenten wie von den Vertretern der Forschung gleichermaßen stark in Anspruch genommen werden die Kopier- und Vervielfältigungsdienste der Universitätsbibliothek, deren jährliche Produktionsziffern eine halbe Million Kopien überschreiten. Diese zentralen Dienste vervielfachen das in der Bibliothek gespeicherte Informationsvolumen ganz wesentlich. Sie halten aber auch den notwendigen Kontakt der Universitätsbibliothek mit den Lehrkanzeln lebendig, deren Anliegen so rasch und so gut wie möglich - ob sie nun die Literaturversorgung oder bibliothekarische Hilfen anderer Art betreffen – erfüllt werden sollen. Seit dem Sommer 1971 ist die Universitätsbibliothek personell in der Lage, die Katalogisierung der Neuzugänge einer wesentlichen Zahl von Institutsbibliotheken durchzuführen. Die im Hochschulorganisationsgesetz vorgesehene Betreuung der Institutsbibliotheken kann somit von der Universitätsbibliothek Graz erstmals in Österreich wirksam durchgeführt werden. Die Universitätsbibliothek sieht es auch als ihre Aufgabe an, den Institutsbibliotheken durch groß­ zügigen Stellraum in ihren Büchermagazinen jederzeit über vorübergehende oder dauernde Platzprobleme hinweg zu helfen. Sie ist zu Absprachen über die Koordinierung von Buchanschaffungen und Zeitschriftenabonnements stets bereit, wie     sie überhaupt die Anschaffungsvorschläge der Lehrkanzeln an vorderste Stelle reiht. In ihren Sammelgebieten bilden Schriften der Mitglieder des Grazer Lehrkörpers, Vorlesungsverzeichnisse der anderen Hochschulen Europas und Dissertationen des deutschen Sprachgebietes besondere Schwerpunkte.

Im Laufe ihrer bald vierhundertjährigen Geschichte sind viele kostbare und umfangreiche Nachlässe und Geschenke in ihren Bestand eingegangen. Zu erwähnen sind insbesondere die Handschriftenerwerbungen aus dem Stift Millstatt, der Kartause Seitz, dem Chorherrenstift Seckau, dem Dominikanerkloster Pettau, dem Zisterzienserstift Neuberg und dem Benediktinerkloster St. Lambrecht; 1862 die Einverleibung der Bibliothek der medizin.-chirurg. Lehranstalt, 1867 die Schenkung der Bibliothek des Ministerialrates Franz v. Lessner; aus dem Nachlasse Robert Hamerlings (1890) Erstausgaben seiner Werke; als Legat des Pharmakologen Karl v. Schroff (1892) u. a. alte Kräuterbücher; 1913 Ankauf der nachgelassenen Bibliothek des Germanisten Anton Emanuel Schönbach (bes. auch amerikan. Lit.), dazu aus dem Nachlasse seiner Witwe noch Ausgaben neuerer deutscher Klassiker; 1922 Vermächtnis der Bibliothek des Mathematikers Viktor Dantscher (auch Hand­ schriftliches von Dantscher selbst und nach Vorlesungen von Immanuel Lazarus Fuchs, Leopold Kronacker Erns Eduard Kummer und Karl Weierstraß; 1922 Bücher aus dem Nachlasse des Professors der medizinischen Chemie Karl Berthold Hofmann, darunter besonders auch ägyptologische Werke, als Geschenk des früheren Professors der deutschen Reichs- und Rechtsgeschichte Arnold Luschin v. Ebengreuth Werke aus dem Gebiete der italienischen Universitäts- und Städtegeschichte, handschriftliches Material zur Geschichte deutscher Studenten in Italien und Nachlaß Theodor Elze, des Erforschers des südslawischen Buchdruckes. 1924 erbte die Universitätsbibliothek die umfangreiche Büchersammlung des ehemaligen Sekretärs der Steiermärkischen Advokatenkammer Ottokar Zwetko, 1927 die des Professors der romanischen Philologie Hugo Schuchardt. Nach dem zweiten Weltkrieg erhielt sie die Bestände des Grazer Amerikahauses, denen große Geschenke der Germanistic Society of America zur Seite traten.

Der gesamte wertvolle Buchbestand ist durch sorgfältig geführte Autoren- und Sachkataloge erschlossen, über den Handschriftenbestand liegt ein dreibändiger gedruckter Katalog vor. Die Neuzugänge seit 1950 wurden an den Zuwachskatalog österreichischer Bibliotheken gemeldet, der gesamte Zeitschriftenbestand an den Zentralkatalog neuerer ausländischer Zeitschriften und Serien in österreichischen Bibliotheken. Die Grazer Dissertationen 1872-1965 sind in einem gedruckten Verzeichnis der wissenschaftlichen Welt bekanntgemacht worden, die weiteren werden dem Notring in Wien zur bibliographischen Verzeichnung bekanntgegeben.

Information und Informationsvermittlung sind in den Mittelpunkt unserer Industrie- und Lerngesellschaft gerückt, die Bibliotheken nehmen als Dienstleistungsbetriebe eine zentrale Stelle im Versorgungssystem der Universitäten ein. Forschung und Lehre sind an unseren überfüllten Hochschulen mehr als je von guten Bibliotheken abhängig. Die Ausweitung der Buchproduktion und der Information, steigende Kosten und die Auswirkung der Massengesellschaft auf die Hochschulen zwingen zu einer kritischen Überprüfung des isolierten Nebeneinanders strukturell und organisatorisch verschiedener Bibliotheken innerhalb eines Hochschulbereiches. Wirtschaftlichkeit und Nutzungseffizienz sind zu überprüfen und ein bestmöglicher Ausgleich ist anzustreben zwischen Zentralisation und Dezentralisation, wobei das System in Zukunft von der kostenwirtschaftlich optimalen Kooperation und Integration sowie von ökonomischer Betriebsführung geprägt sein wird.

 

 

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